Rote Fahne 21/2018

„Durchfallquoten von 40 bis 50 Prozent sind bei Prüfungen üblich“

Erfahrungsbericht einer Jura-Studentin

Von (Korrespondenz)
„Durchfallquoten von 40 bis 50 Prozent sind bei Prüfungen üblich“
Klausurenstress … Foto: lukasbierl / CCO

Kürzlich bekam ich die Nachricht, dass ich in zwei Klausuren durchgefallen bin. Obwohl ich für beide einen beträchtlichen Teil des Semesters gelernt habe. Durchfallquoten von 40 bis 50 Prozent sind der Normalfall. Nach drei Jahren Jura-Studium und zahlreichen Klausuren hat sich der Jahrgang durch Auslese deutlich verkleinert. Aber die Organisierung der Rebellion dagegen trifft auf ein ganzes System an geistiger und politischer Unterdrückung durch den bürgerlichen Bildungsbetrieb und eine noch vorherrschende kleinbürgerlich-individualistische Denkweise bei Studierenden.

 

Schon im ersten Semester wird sofort klargestellt: Viele von euch schaffen es sowieso nicht. Dadurch wird vom ersten Moment an ein kleinbürgerlicher Ehrgeiz gefördert. Gerade im Jura-Bereich sollen mit dieser Denkweise willfährige Staatsdiener herangezüchtet werden, die als Richter oder im Beamtenapparat von Ministerien arbeiten. Oder als Anwälte dazu bereit sind, für den Erhalt der kapitalistischen Gesellschaft zu arbeiten. Die Lebenslüge vom „demokratischen Rechtsstaat“ wird mit dem Holzhammer in die Köpfe getrieben. Da fragt man sich: Wofür lerne ich, und wozu dienen die Klausuren? Wie kann ich dieses Studium absolvieren, um später auch die Interessen und den Kampf der Arbeiter und Flüchtlinge für ihre Rechte juristisch zu unterstützen?

 

Nach einem Semester Vorlesungen wird jedes Fach mit einer Klausur abgefragt. Das sind fünf bis sechs Prüfungen, die in eineinhalb Wochen zu bewältigen sind. Trotz systematischen Lernens und Wieder­holens während des Semesters führte dies am Semesterende zu 15 Stunden Lernen am Tag. Der Stoff wurde in der Vorlesung sehr oberflächlich behandelt, in den begleitenden Seminaren wird er mit der Übung von Fällen vertieft. Man müsste meinen, die Inhalte und Schwierigkeitsgrade seien auf die Prüfung zugeschnitten. Die Klausuren waren unerwartet schwer und behandelten nicht die Schwerpunkte aus der Vorlesung. Bis zu 64 Prozent fielen bei einer Klausur durch.

 

Während der Klausur ist der Zeitdruck so enorm hoch, dass man kaum über das Geschriebene nachdenken kann. Das sind alles Bedingungen, die nur der Auslese dienen. Ein Dozent brachte es auf den Punkt, als er sagte, dass ja niemand in dem Semester eine so schwere Klausur stellen würde – außer er. Es wird letzten Endes nicht geprüft, ob man es verstanden hat und anwenden kann.

 

Es ist jetzt wichtig, dagegen den Widerstand zu organisieren: Semesterversammlung, öffentlicher Protest, den Dozenten zur Zurücknahme seiner Klausur und zur Entschuldigung für seine arrogante Haltung zwingen. Das erfordert eine organisierte Arbeit und eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der Individualisierung.

 

Eine Genossin der MLPD gab mir einen Bericht über Prüfungen im sozialis­tischen China der 1960er-Jahre zu lesen. Sie entwickelten damals neue Prüfungsmethoden. Die Studenten lernten unter dem Gesichtspunkt, Probleme zu analysieren und zu lösen, und wurden ermutigt, ihr eigenes Urteil zu bilden. Das Studium stand unter dem Grundsatz „Dem Volke dienen“. Die Prüfungen dienten nicht der sozialen und politischen Auslese wie im Kapitalismus, sondern sollten das Studium fördern. Sie waren so gestaltet, dass die Studenten etwas zu Ende denken konnten. Sie durften Notizen benutzen oder sich kollektiv beraten. Die Förderung des eigenständigen Denkens und Handelns und der Kampf gegen Auslese ist eine wichtige Aufgabe des Jugendverbands REBELL. Der Bericht aus dem sozialistischen China hilft, den Blick zu weiten.