Rote Fahne 21/2018

Bildung, Ausbildung, Studium – gesicherte Zukunft?

Seebrücke statt Seehofer, Kampf gegen Faschisten, ...

Von (gos/cj/lg)
Bildung, Ausbildung, Studium – gesicherte Zukunft?
Foto: RF

... im Hambacher Wald, gegen Abschiebungen: Die Jugend steht praktisch an der Spitze des Kampfs gegen die Rechtsentwicklung der Regierung und ist die aktivste und lebendigste Kraft in der Gesellschaft. Einen wichtigen Teil ihrer Zeit verbringt sie in der Ausbildung – in Schulen, Lehrwerkstätten und an Unis. Wie ist dort die Lage, und wie entwickelt sich hier der Kampf um die Denkweise? Die Losung „Sozialer Aufstieg durch Bildung“ prägt eine Denkweise, nach der jede(r) individuell für seine Zukunft verantwortlich ist. Doch das ist trügerisch ...

 

Europaweit standen im Jahr 2017 3,8 Millionen Jugendliche unter 25 Jahren ohne Arbeitsplatz da. In Frankreich sind laut OECD derzeit 22 Prozent der Jugendlichen arbeitslos, in Italien und Spanien mehr als 30 und in Griechenland sogar 44 Prozent.1 Anders in Deutschland: hier liegt die Jugendarbeitslosigkeit derzeit offiziell deutlich unter zehn Prozent.

 

Hinter diesem Durchschnitt verbergen sich teils krasse Unterschiede: Mecklenburg-Vorpommern steht mit 10,5 Prozent arbeitslosen Jugendlichen an der Spitze; in Baden-Württemberg sind es nur 2,5 Prozent. Jedoch gab es zum Beispiel 2016 rund 317.005 Eintritte in mehrwöchige Berufsorientierungsmaßnahmen. Diese Jugendlichen werden ebenso wenig als arbeitslos gezählt wie die, die nur ein paar Wochen Praktikum oder einen Minijob machen.

 

Ausbildungsplätze fehlen

 

Die Ausbildung der Azubis ist gerade in der Großindustrie, dem technischen Fortschritt entsprechend, auf theoretischem Gebiet immer anspruchsvoller geworden. Sie lernen, die internationale Produktion zu beherrschen, und sind mit Recht stolz darauf. Insgesamt werden zurzeit in der BRD 1,36 Millionen Jugendliche in rund 330 Berufen in Industrie, Handwerk, Landwirtschaft, freien Berufen und öffentlicher Verwaltung ausgebildet. 480.169 Azubis haben 2016 eine Ausbildung begonnen.2 Das waren nach Angaben des DGB 64,7 Prozent von allen, die einen Ausbildungsplatz suchten. Die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze ist von 2007 bis 2016 um 80.000 gesunken. In den Großbetrieben (mehr als 500 Beschäftigte) sank die Ausbildungsquote auf 4,5 Prozent (2007 noch 5,1 Prozent).

 

Der stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Michael Theurer, fordert: „Der Fachkräftemangel geht in die Hunderttausende. … Integration kann Fachkräftemangel mildern. … Die Anerkennung von beruflichen Abschlüssen (der Migranten – Anm. d. Red.) muss vereinfacht und beschleunigt werden.“3 Die Ausbildung der Arbeitskräfte zahlen also die armen Herkunftsländer – ihre Ausbeutung übernehmen gern die deutschen Konzerne. Flüchtlinge ohne akademischen Abschluss allerdings sollen laut FDP schön zu Hause bleiben.

 

Ausbildungsfragen

 

Im tariflichen Durchschnitt bekommen Azubis 854 Euro Ausbildungsvergütung – real sind es im Gesamten aber nur 736 Euro über alle Ausbildungsjahre und Berufe hinweg. Ein gutes Argument, sich gewerkschaftlich zu organisieren und für Tarifverträge und höhere Ausbildungsvergütungen zu kämpfen.

 

In von Frauen bevorzugten Berufen ist die Vergütung noch einmal 17 Prozent niedriger. Bei gerade mal 621 Euro. In den Großstädten wegen der steigenden Miete, auf dem Land wegen teils nötiger Mobilität mit Pkw, reicht das kaum, um auf eigenen Füßen zu stehen. Dennoch stehen die Mitglieder des Jugendverbands REBELL in den Lehrwerkstätten dafür ein, von zu Hause auszuziehen und selbständig zu werden. Kritisch setzen sie sich mit Kolleginnen und Kollegen auseinander, die zu Hause wohnen bleiben und kein Kostgeld zahlen. Es gehört zum „Arbeiter werden“ dazu, auch finanziell kollektiv zu denken und zum Familieneinkommen beizutragen, statt sich vom „Hotel Mama“ verwöhnen zu lassen.

 

Die Arbeiterjugend ist einer besonderen Rechtlosigkeit ausgesetzt – mit Probezeiten, Befristung, Kettenarbeitsverträgen oder Leiharbeit. Vor und auch nach der Ausbildung folgen oft unbezahlte Praktika. Der insgesamt wachsende Niedriglohnsektor führt dazu, dass 20 Prozent nach abgeschlossener Ausbildung weniger als 10 Euro brutto pro Stunde ver­dienen.

 

Die Azubis der Großbetriebe genießen einen gewissen Schutz durch den hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrad der Belegschaften und ihr Verantwortungsbewusstsein für „ihre Jungen“. Angriffe der Geschäftsleitungen auf Azubis stoßen fast immer auf Widerspruch der Arbeiter!

 

Anders ist es in kleinen und mittleren Betrieben. Hier werden die Azubis in hohem Maße als billige Arbeitskräfte missbraucht, was maßgeblich zu der hohen Abbrecherquote von rund einem Drittel führt. 36 Prozent der Azubis machen regelmäßig Überstunden, im Durchschnitt immerhin 4,2 Stunden pro Woche. Die Unternehmerverbände machen eine angebliche Ausbildungsunfähigkeit der Jugendlichen für die hohen Abbrecherquoten verantwortlich. Doch es ist genau andersherum: Gerade dort, wo die Azubis keine wirkliche Ausbildung erhalten, brechen sie ab – gerade weil sie ausgebildet werden wollen.

 

Demagogisch versucht die Bundeswehr, diese Situation zu nutzen: Im Juli startete sie wieder eine neue dreiwöchige Serie „Der Springer“ auf ihrem eigenen Youtube-Kanal; sie schickt Offiziere in Schulen, Jobcenter und auf Jobmessen, wirbt mit Plakaten, öffentlichen Shows und mehr. Aber: Obwohl sie ihre Tore für Mädchen, minderjährige Jugendliche, für alle EU-Bürger weit geöffnet hat, obwohl es für jeden Tag Auslandseinsatz zusätzlich steuerfrei 170 Euro gibt, bekommt sie jedes Jahr viel weniger Freiwillige, als sie braucht. „Dennoch sind 10.000 Freiwillige 10.000 zu viel! Wir sehen es als eine zentrale Aufgabe, die Jugend antimilitaristisch aufzuklären und die Bundeswehr durch aktive Rebellion der Jugend vom Leib zu halten“, so Lisa Gärtner, jugendpolitische Sprecherin der MLPD.

 

Schulen: Umverteilung hinterlässt Spuren

 

Obwohl der Anteil der staatlichen Ausgaben für Bildung in Deutschland von 2000 bis 2017 von 3,7 Prozent auf 4,2 Prozent des Bruttosozialproduktes wuchs, hinterlässt die staatliche Umverteilung zugunsten der Monopole ihre Spuren. Gebäude – besonders Toiletten – sind oft in miserablem Zustand, sodass schon Eltern bei der Renovierung helfen. Hausmeisterstellen werden ebenso gekürzt wie der Schwimmunterricht. Mit 40.000 fehlenden Lehrkräften in Deutschland herrscht der größte Mangel seit 30 Jahren.5 Nichtbeamtete Lehrkräfte werden während der Sommerferien gekündigt: Das waren im letzten Jahr 4900, 61 Prozent davon waren unter 35 Jahre alt. 

 

Diese bürgerliche Bildungspolitik wird gekoppelt mit der Lebenslüge vom „sozialen Aufstieg durch gute Bildung“. Strebertum nach guten Noten, der Druck, irgendwie noch die Qualifizierung für das Abitur zu erlangen, um studieren zu können – das alles wird mit der Förderung eines massiven Individualismus verbunden. Die Herrschenden wollen die Jugend von der Rebellion gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse abhalten. Stattdessen sollen sie als Einzelkämpfer um die besten Ausbildungsplätze und die am besten bezahlten Berufe konkurrieren. „Keine Zeit für Politik – ich muss lernen!“ – das hört man oft von Schülern und Studierenden.

 

Aber: Was und wofür lernen? Das ist eine elementare weltanschauliche Frage, die unter den Schülern und Studenten diskutiert werden muss. Kein Note-1-Referat über den Welthunger kann den Welthunger beseitigen. Zynisch wird diese Logik, wenn Monopole sich direkt einschalten. So erdreistet sich der Umweltzerstörer und AKW-Bauer Siemens, an Schulen über umweltbewusstes Verhalten zu referieren: Fahrt mehr Fahrrad und esst mehr Gemüse! Was sie „Lernen“ nennen, hält den Erkenntnisfortschritt der jungen Generation nur auf.

 

Differenzierung nimmt zu

 

Mittlerweile verlässt mehr als die Hälfte der Schüler in Deutschland die Schule mit Abitur oder Fachhochschulreife. Seit 2007 (1,9 Millionen Studierende) stieg die Zahl kontinuierlich auf insgesamt 2,8 Millionen Studierende im Wintersemester 2017/2018 an. Damit betrug 2017 der Anteil der Studienanfänger an der Bevölkerung des entsprechenden Geburtsjahres 56 Prozent.

 

Den wachsenden Studentenzahlen liegen weitreichende Änderungen im kapitalistischen Ausbildungssystem zugrunde. So wird mit der Einführung der gestuften Studiengänge (Bachelor und Master) heute ein immer größerer Anteil der beruflichen Ausbildung an die Hochschulen verlagert. Die Studiendauer hat sich mit 7,8 Semestern im Durchschnitt um ein Drittel verkürzt. 2003 waren es noch 11,7 Semester. Damit unterscheidet sich die Studiendauer beim Bachelor nur noch wenig von der Ausbildungsdauer im Lehrbetrieb. Viele Menschen mit akademischen Abschlüssen führen später Arbeiterberufe aus. Mit dem Bachelorabschluss wurden die Einstiegsgehälter gedrückt und liegen heute zwischen 23 400 Euro (Verwaltung) bis 40.900 Euro (FH-Ingenieur) pro Jahr. Damit nähert sich die soziale Lage eines Teils der jungen Akademiker der von Industriefacharbeitern an.6 Die meisten Berufsanfänger starten mit befristeten Verträgen, Berufspraktika oder in Leiharbeitsfirmen. All dies sind Maßnahmen des Monopolkapitals in Deutschland, die Ausbildungs- und Lohnkosten zum Zwecke der Steigerung der Konkurrenzfähigkeit zu drücken. Deswegen ist es auf die Gesamtlage der Jugend bezogen eine Augenwischerei, wenn mit der offizielle Arbeitslosenquote bei Akademikern von unter drei Prozent geprahlt wird.   

     

Die starke Differenzierung zwischen stark spezialisiertem berufsbezogenen Studium im Bachelor und der Ausbildung des wissenschaftlichen bzw. Führungspersonals im Masterstudium zielt vor allem auch auf die Manipulation der Denkweise: Sich in den Dienst der Konzerne zu stellen beim Kampf um die Poleposition.

 

Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung, erklärt: „Deutschland befindet sich weltweit in einer Spitzenposition, aber nicht zuletzt die Erfolge Chinas in wissensintensiven Branchen, wie der Elektromobilität und bei der künstlichen Intelligenz, zeigen uns, dass wir am Ball bleiben müssen. …“7 Diese Ausrichtung auf die Konkurrenzfähigkeit verschärft sich mit der wachsenden zwischenimperialistischen Konkurrenz und den Handelskriegen zwischen USA, China, EU und anderen.

 

Prüfungsdruck, Credit-Point-System und Verschulung sind Teil eines Systems der geistigen Unterdrückung. Damit wollen die Herrschenden den Spielraum für gemeinsames, kritisches Lernen und eine fundierte Kritik an der bürgerlichen Wissenschaft einschränken. Das geschieht allerdings vor allem auf ideologischem Weg, indem den Studierenden die bürgerliche Weltanschauung über die Lehrinhalte eingetrichtert werden soll. So zieht sich der moderne Antikommunismus durch alle Studiengänge, ebenso der Positivismus. Damit sollen die Studenten ihre Fähigkeiten – wie selbstverständlich – nur innerhalb des Kapitalismus einsetzen. Politisch führt das häufig dazu, sein Leben nur am Studium auszurichten. Es ist gut, dass das in den letzten Jahren bei einem wachsenden Teil aufbricht und politisches Engagement zunimmt. Gleichzeitig beginnen Studierende, inspiriert durch ihr Engagement in gesellschaftlichen Bewegungen, sich auch kritisch mit Lehrinhalten und dem bürgerlichen Bildungsbetrieb auseinanderzusetzen. Dabei stoßen die fundierte Kritik des Marxismus-Leninismus an der bürgerlichen Wissenschaft und die revolutionäre dialektisch-materialistische Methode auf besonderes Interesse. So gibt es derzeit eine Vielzahl an Diskussionen anlässlich Marx’ 200. Geburtstag – oder auch über die Lehren nach 50 Jahren ’68er-Bewegung. Genossen der Unigruppe der MLPD in Tübingen beteiligten sich aktiv an diesen Diskussionsveranstaltungen und bekamen einigen Zuspruch. Der wissenschaftliche Sozialismus ist der Gegenpol zur reaktionären Entwicklung der bürgerlichen Wissenschaft.

 

Diese Suche nach Orientierung und Perspektive muss durch aktive weltanschauliche Auseinandersetzung und Kampf beantwortet werden. So sprießen an den Unis auch allerlei kleinbürgerliche Theorien und Gruppierungen hervor, die nur Verwirrung unter die Studenten tragen. Am rechten Rand suchen die „Antideutschen“ Anhänger an den Unis. Sie bekämpfen nicht etwa den Kapitalismus und seine Lehrinhalte, sondern frönen bürgerlicher Dekadenz, elitärer Massenfeindlichkeit und huldigen einiger der reaktionärsten Theorien, die gerade auf dem Markt sind. Die Unigruppen der MLPD machen es sich dagegen zur Aufgabe, die Masse der Studenten für den Kampf an der Seite der Arbeiterklasse zu beteiligen. Für Studenten aus kleinbürgerlichem Elternhaus ist das eine richtiggehende Umerziehung, die Lage der Arbeiter kennenzulernen und mit ihren Anliegen und ihrem Leben zu verschmelzen. Gemeinsam mit dem Jugendverband REBELL organisieren sie eine richtige Lebensschule mit einer systematischen Kleinarbeit. Das alles zielt darauf ab, dass eine Masse an Studenten für den gemeinsamen Kampf um den echten Sozialismus gewonnen wird und sich aktiv einbringt.

 

Rebellion der Jugend belebt sich

 

Die ver.di-Jugend München berichtete vor Kurzem stolz: Wir haben die 1000er-Marke neuer Azubi-Mitglieder geknackt. Wie? „Wir setzen uns kritisch mit aktuellen Geschehnissen auseinander. Derzeit sind wir beispielsweise gegen das bayrische Polizeiaufgabengesetz aktiv. Oder schon lange im Bündnis, das … hier in München den NSU-Prozess verfolgt.“8 Vor Kurzem organisierten Studierende mit ver.di einen erfolgreichen Streik in Berlin, für die bessere Bezahlung studentischer Hilfskräfte. Die damit einhergehende Besetzung des Audimax wurde brachial durch die Polizei geräumt. Auch gegen die Rechtsentwicklung an Hochschulen formierte sich im Juli 2018 Protest: in Leipzig gegen rassistische Tweets von Prof. Rauscher oder in Magdeburg gegen die AfD.

 

Die Abschaffung des politischen Mandats der Allgemeinen Studierendenausschüsse (Asten) in den 1980er-Jahren wird heute mit einem sich ausweitenden Generalverbot politischer Betätigung verschärft: Die Universitäten üben über das Hausrecht eine politische Zensur aus bis dahin, dass Parteipolitik mit strafbaren Inhalten gleichgesetzt wird. An der Uni Stuttgart wurde einer Genossin der MLPD beim Flugblattverteilen Hausverbot erteilt. Das demokratische Recht der freien politischen Betätigung an Hochschulen auf antifaschistischer Grundlage durchzusetzen, ist von großer Bedeutung für die Entwicklung der Rebellion der Jugend. Die Aufgeschlossenheit gegenüber der MLPD und ihrer Perspektive – echter Sozialismus – nimmt zu. Für dieses Ziel braucht es eine revolutionäre Arbeiterpartei – und das ist in Deutschland die MLPD mit ihrem Jugendverband REBELL.

 

1 DGB: Atlas der Arbeit 2018

2 Statistisches Bundesamt

3 Rheinische Post vom 09.08.18

4 ebenda

5 Deutscher Lehrerverband, Pressemitteilung 20.8.2018

6 Quelle: DZHW Absolventuntersuchung 2016

7 Bundesbericht Forschung und Innovation 2018, BMBF 2018

8 Publik 18/18