Rote Fahne 19/2018

Die offene Wunde NSU

Anlässlich der Herausgabe des Buchs „Ende der der Aufklärung“ sprach die Rote Fahne mit einem der Herausgeber, Thumilan Selvakumaran

Von (gös)
Die offene Wunde NSU
Foto: Ufuk Arslan

Als Anlass für dieses Buch sieht Selvakumaran die Gefahr, dass an der weiteren Aufklärung des NSU-Komplexes nach dem Ende des Münchner NSU-Prozesses und der meisten NSU-Untersuchungsausschüsse kein „öffentliches Interesse“ mehr besteht. Das aber wird den Opfern nicht gerecht. Besonders nach dem NSU-Prozess oder nach dem Ende vieler NSU-Untersuchungsausschüsse schätzt Selvakumaran weitere Aufklärungschancen für gering ein. Daher der Untertitel: „Die offene Wunde NSU“.

 

Mit diesem Buch leisten die Autoren wichtige Beiträge zur weiteren Aufklärung des „NSU-Komplexes“, aber auch zum „Fall Amri“ und zur ehemaligen V-Person Verena Becker in der „Roten Armee Fraktion“. Auch enthält es einen Beitrag zur Geschichte von informellen Netzwerken, die beispielsweise im Fall des Münchner Oktoberfest-Attentats 1980 mögliche Spuren von Faschisten zur damaligen NATO-Geheimarmee „Gladio“ aufweisen. Spuren, denen niemals nachgegangen wurde. Letztlich dienen solche Netzwerke unter Einbeziehung von Faschisten und V-Leuten auch der konterrevolutionären Vorbereitung auf revolutionäre Entwicklungen.

 

Im weiteren Gespräch ging es um Beiträge zur Aufklärung des NSU-Komplexes, so etwa über „Die Methode Drexler“ von Rainer Nübel. Er nimmt vor allem die Zeugenbefragungen des Vorsitzenden der Stuttgarter NSU-Untersuchungsausschüsse aufs Korn. „Behinderung der Aufklärung unter dem Deckmantel der großen Aufklärung“ nannte sie von Selvakumaran im Gespräch. Bemerkenswert in Nübels Beitrag ist der erneute Nachweis, dass es am 25. April 2007 am Ort der Ermordung von Michèle Kiesewetter auf der Heilbronner Theresienwiese einen regelrechten „Geheimdienst-Treff“ gegeben hat.

 

Auch der Beitrag von Thumilan Selvakumaran selbst deckt eine Menge Ungereimtheiten bei den Ermittlungen zum Mord an Michèle Kiesewetter auf. Er nennt viele Fakten gegen die Behauptung der Bundesanwaltschaft, diese Tat sei von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt allein begangen worden. Allein schon die Erkenntnisse der „Soko Parkplatz“, die von vier bis sechs Tätern ausgeht. Oder die 14 Phantombilder, die nach Zeugenangaben erstellt wurden, die aber nie als Beweismittel anerkannt wurden. Keines ähnelt den beiden Uwes. Die Reihe ließe sich fortsetzen.

 

Einig wurden wir uns, dass bei der bisherigen Verhinderung einer lückenlosen Aufklärung des NSU-Komplexes durch Staatsorgane sowohl Versagen als auch aktive Vertuschung und Verschleierung eine Rolle spielen.

 

Erschütternd sind nicht zuletzt die im Buch abgedruckten Schlussworte von Angehörigen der NSU-Opfer beim NSU-Prozess. Ihre Forderungen nach weiterer Aufklärung des NSU-Komplexes dürfen nicht ungehört verhallen.

 

Ende der Aufklärung
Die offene Wunde NSU
Herausgegeben von Andreas Förster; Thomas Moser; Thumilan Selvakumaran  
2018, 328 Seiten
ISBN: 978-3-86351-479-2 
Preis: 25,00 Euro     

Auch als E-Book verfügbar!

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