Rote Fahne 14/2018

Arbeitsklima wichtiger als der Profit?

Die dm-Drogeriekette gibt sich einen fortschrittlichen Habitus. Wie die Realität aussieht, berichtet folgende Korrespondenz

Arbeitsklima wichtiger als der Profit?
Schicker dm-Markt – knallharter Druck auf Verkäuferinnen. Foto: Graf-Foto / CC BY-SA 3.0

Hier bin ich Mensch … hier kauf ich ein! Wer kennt nicht den Werbespruch der Drogeriemarktkette dm. Mit 59.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von zehn Milliarden Euro ist dm der größte europäische Drogeriemarkt. Gegründet wurde dm 1973 von Götz Werner. Der ist auch bekannt geworden als Verfechter des „bedingungslosen Grundeinkommens“. Auszubildende nennt man hier nicht Lehrlinge, sondern Lernlinge.

 

Hervorgehoben wird auch eine flache Hierarchie im Konzern, ein dialogisches Führungsprinzip und große Entscheidungsspielräume für die Mitarbeiter. Nach eigenen Angaben ist Götz Werner das Arbeitsklima wichtiger als der Profit. Wir haben eine Verkäuferin von dm gefragt, wie sie den Arbeitsalltag erlebt.

 

Ist dm wirklich eine Drogeriemarktkette mit besonders freundlichem Klima für die Angestellten?

 

Anfangs war ich begeistert von der dm-Philosophie. Ich las alle Mitteilungen, die für die Mitarbeiter herausgegeben werden. Zum 40sten Betriebsjubiläum gab es ein großes „Familienfest“. Das habe ich besucht. Es gab kaum einen Redner, der nicht über die „dm-Familie“ sprach. Da merkte ich plötzlich, dass mir das alles viel zu viel wird und nur eine Nebelblase für uns Angestellte sein sollte. Ab da beschäftigte ich mich viel kritischer mit der dm-Philosophie. Es war sehr heilsam für mich. Auch bei dm regiert der Profit, nicht das Wohl der Angestellten.

 

Wie erlebst du deinen Arbeitsalltag?

 

Viele von uns haben nur einen Vertrag über 20 Stunden. Damit verdiene ich im Monat knapp über 1000 Euro. Die Arbeitszeiten ändern sich täglich. Ich muss also voll flexibel sein. Mal früh, dann spät, mal Samstag usw. Wir können immer angerufen werden, wenn Not am Mann ist. Aber von diesem Lohn kann ich nicht leben oder nur unter den bescheidensten Bedingungen. Aber einen Nebenjob zu finden, ist bei den Arbeitszeiten schwer. Eine Aufstockung meiner Stundenzahl auf 30 oder 40 Stunden wird seit Jahren verweigert. Lieber stellen sie wieder eine Frau mit 20 Stunden ein. Da kann man mehr rausholen.

 

Ist das Arbeitsklima wichtiger als der Profit, wie Götz Werner behauptet?

 

Das kann ich nicht bestätigen. Unsere Gebietsleiterin macht richtig Druck, dass der Laden brummt. Ständig wird man dazu angehalten, das Verkaufsergebnis des Vorjahres zu übertreffen. Tag für Tag wird verglichen, ob die Umsätze höher liegen als am Vergleichstag des Vorjahres. Es wird auch gedroht, Verkäuferinnen zu versetzen in andere Filialen. Wenn es darum geht, Payback-Karten unter die Kunden zu bringen, wird genau geschaut, welche Filiale wie viele Abschlüsse hat. Ständig gibt es Druck, mehr Abschlüsse zu machen. Das ist totale Kontrolle und kein dialogisches Miteinander. Aber nur mit solchen Methoden kann man zur Nummer 1 der Drogeriemärkte in Europa werden. Durch die Vereinzelung ist eine gewerkschaftliche Arbeit im Konzern sehr schwer. Man trifft ja nur die Kolleginnen aus dem jeweiligen Geschäft.