Gesundheit

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Übergewicht und Adipositas nehmen zu

Kritik an mangelnder Prävention bei Übergewicht und Adipositas übte Francesca Colombo, Leiterin der Abteilung Gesundheit bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) in einem Interview, das in der "Ärztezeitung" am 13. November 2019 veröffentlicht wurde.

Willi Mast

Zwei Drittel aller Männer in der BRD haben Übergewicht. Das liegt weit über dem Durchschnitt von 36 OECD-Ländern. Zehn Prozent aller Gesundheitskosten lassen sich dem Übergewicht und der Adipositas zuordnen. Sieht man von den erheblichen Krankheitsfolgen für die Betroffenen ab, so werden also -  ökonomisch betrachtet - jährlich Kosten von knapp 140 Milliarden Euro  durch eine Krankheit verursacht, die eigentlich vermeidbar ist. Dieser Widersinn geht auf das Konto eines kapitalistischen Gesundheitswesens, in dem die Prävention eine vollkommen untergeordnete Rolle spielt, während die Behandlung von chronischen Krankheiten zu einem Milliardengeschäft wird.

 

Die dramatische Entwicklung läßt sich auch anhand einer Studie an 600.000 Jungen und Mädchen ablesen. Diese wurde 2016 im Auftrag der Deutschen Angestellten-Krankenkasse von der Uni Bielefeld erstellt. Demnach ist bereits jedes vierte Kind körperlich chronisch krank. 15 Prozent der drei- bis 17-Jährigen sind übergewichtig, 6,3 Prozent adipös – doppelt so viel wie noch vor 20 Jahren. Alarmierend ist insbesondere die Häufung chronischer Erkrankungen bei Kindern aus armen Familien.

 

In mehreren dringenden Appellen wandten sich deshalb die Kinder- und Jugendärzte an die Bundesregierung, um mit entsprechenden Gesetzen der „neuen Morbidität“ unter Jugendlichen zu begegnen, zuletzt gegen die „kritiklose Förderung der Digitalisierung in Kitas und Schulen“ – bislang ohne jeden Erfolg. Gesundheitsprävention steht nicht auf der Agenda der Regierung. Entsprechende Gesetze müssten ja gegen den Druck der Pharma-, Versicherungs-, Agrar-, Chemie- und Lebensmittel-Monopole durchgesetzt werden. Deshalb bleibt es immer wieder bei zahnlosen Appellen, wie zuletzt der Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU), an die Adresse der Lebensmittelkonzerne: Sie sollten doch bitte Lebensmittel mit etwas weniger Zucker produzieren.

 

Das Ganze wirft ein Schlaglicht auf die Krise des kapitalistischen Gesundheitswesens und einer Medizin, die zwar ungeahnte technische Höchstleistungen hervorbringt, aber keine Antworten auf die großen gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit findet.