Bergarbeiterdemo am 11. Juni

Bergarbeiterdemo am 11. Juni

"Wir werden das bis zum Ende durchziehen"

Die "Rote Fahne"-Redaktion sprach während der Demonstration der nichtanpassungsberechtigten Kumpel am 11. Juni in Bottrop mit Bergleuten und ihren Familienangehörigen. Dabei entstand ein aufschlussreiches Stimmungs- und Bewusstseinsbild.

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"Wir werden das bis zum Ende durchziehen"
Bergarbeiterdemo am 11. Juni in Bottrop (Foto: Kumpel für AUF)

Hunderte nichtanpassungsberechtigte Bergleute¹ und Familienangehörige zogen am 11. Juni durch die Bergwerksstadt Bottrop. Rund 200 von ihnen hatten am Freitag vor Pfingsten ihre Kündigung bekommen (mehr dazu).

Wütend - nicht nur auf betriebsbedingte Kündigungen

Damit bestätigt sich, was die kämpferische Bergarbeiterbewegung Kumpel für Auf und die MLPD seit Jahren vorhergesagt haben: dass nach dem Ende der Steinkohleförderung ein Übergang zu betriebsbedingten Kündigungen droht. Nicht nur deshalb sind sie wütend auf die RAG, die IGBCE- und Betriebsratsführung.

 

Vielmehr zeichnet sich ab, dass die RAG insgesamt zu einer Politik der verbrannten Erde übergeht, indem sie jüngere Bergleute in Leiharbeit drängt, das Grubenwasser ansteigen lässt und damit eine regionale Trinkwasserkatastrophe heraufbeschwört und vieles mehr (siehe Rote Fahne News vom 15. Juni).

 

Delegationen von Kumpel für AUF und von der MLPD beteiligten sich am 11. Juni solidarisch und mit einem offenen Mikrofon an der Demonstration. Die Parteivorsitzende Gabi Fechtner sprach persönlich zu den Bergleuten und erhielt dafür viel Beifall.

(Foto: RF)
(Foto: RF)

In Kürze:

  • Rund 200 nichtanpassungsberechtigte Kumpel erhielten vor Pfingsten betriebsbedingte Kündigungen
  • Dagegen gingen sie am 11. Juni wütend auf die Straße
  • Es gab wichtige Auseinandersetzungen um die Rolle der MLPD

Gefragt nach ihrer Meinung zu den betriebsbedingten Kündigungen, zur Fortführung des Kampfs  und zu antikommunistischen Attacken einzelner AKP-Anhänger gegen MLPD-Plakate und -Transparente kamen folgende Antworten von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern:

 

Bergmann: Das ist eine riesige Schweinerei, was die RAG und die IGBCE mit uns gemacht haben. Wir haben heute für Aufmerksamkeit gesorgt, dass die da oben wach werden. Wir werden weiter demonstrieren. Streik wäre auf jeden Fall richtig.

"Es wird ein harter Kampf werden"

Zweiter Kumpel: Die Aktion heute war super, weil wir mit allen – friedlichen – Mitteln, gemeinsam – Bergleute, Frauen, Kindern und Familien – hier demonstriert haben. Natürlich werden wir jetzt Klage einreichen und auf dem gerichtlichen Weg vor dem Arbeitsgericht weiter dagegen vorgehen.
(Auf den Einwand, dass die Erfahrung zeigt, dass das nicht reicht, sondern mit Kampfaktionen Druck gemacht werden muss:) Genau deswegen ist es auch wichtig, dass wir uns über die Medien und Politiker zusätzlich Gehör verschaffen. Doch ich denke, das wird ein harter Kampf werden, weil die RAG sich in den Kopf gesetzt hat, das mit den betriebsbedingten Kündigungen durchzuziehen.

 

Dritter Kumpel: Das ist eine Sauerei, dass viele Jüngere in die Rente gehen können und wir Alten sollen arbeitslos werden. Die Aktion heute war gut, hat gezeigt, dass wir wach werden. Und der RAG haben wir gezeigt, dass sie das nicht mit uns machen können. Wir müssen weiter auf die Straße gehen und dagegen kämpfen. Auf jeden Fall sollten wir gemeinsam streiken mit den anpassungsberechtigten Kollegen. Wie die gegen die MLPD-Plakate vorgingen, war 'ne Sauerei.

"Wir werden weiter demonstrieren, vielleicht nach Düsseldorf, nach Berlin, nach Brüssel"

Vierter Bergmann: Wir wurden von den Politikern und der IGBCE verraten. Die haben von der EU dafür Subventionen kassiert, aber die ganzen Gelder sind woanders hingeflossen. Es sollte einen Untersuchungsausschuss geben, vor dem die RAG schwarz auf weiß belegen muss, was damit passiert ist. Ich fand gut, dass ihr euch heute solidarisch beteiligt habt. Okay, die Parteien sollen dabei auch in den Hintergrund treten. Der Name Marxistisch-Leninistische Partei hört sich so kommunistisch an. Aber ihr lernt das bestimmt noch. Noch seid ihr eine kleine Partei, aber aus einem Schneeball kann ja auch eine Lawine werden. Ihr müsst öffentlich noch mehr auftreten – und friedlich und sachlich. Vor allem müsst ihr mit den Leuten persönlich reden, sie überzeugen. Das heute reicht noch nicht aus. Wir werden weiter demonstrieren, vielleicht nach Düsseldorf, nach Berlin, nach Brüssel. Ich finde es auch unsolidarisch von unseren eigenen Leuten, die anpassungsberechtigt sind, dass sie hier nicht mitmachen. Wir sind alle 1997 auf die Straße gegangen – solidarisch, alle für einen – einer für alle.

 

Fünfter Kumpel: Ich hoffe, dass das nach der Aktion jetzt gut geht. Es wäre richtig, wenn die anderen Kumpel uns mit Streik unterstützen. Eure Plakate find' ich gut. Das steht euch zu, dass ihr hier teilnehmt und sprechen könnt.

"Wir müssen alles ausprobieren, Streik wäre richtig"

Sechster Kumpel: Wir haben jahrelang hier gearbeitet. Auf einmal werden wir gekündigt. Dabei gibt es ja Arbeit. Wir haben heute das gemacht, was wir machen konnten. Es ist traurig, dass wir bisher noch nichts erreicht haben. Es wird weitergehen. Wir müssen weitere Aktionen machen, alles ausprobieren. Streik wäre richtig. Es müssen alle zusammenhalten, auch die, die nicht unmittelbar betroffen sind. (Zu den MLPD-Plakaten:) Keine Politik!

 

Siebter Kumpel:  Es ist eine bodenlose Frechheit von der Führung der RAG, dass sie uns so behandeln. Es war super heute – Kollegialität, Zusammenhalt – so muss das sein. Wer nicht kämpft, hat schon verloren, und wer kämpft, kommt an sein Ziel.  Es ist ein bisschen schade, dass die anpassungsberechtigten Kollegen hier nicht mitmachen, dass wir nicht alle zusammen dagegen angehen. Da denkt jeder noch zu sehr an seines.

"Die Leute werden ärmer, ganze Stadtteile bluten aus"

Junge Bergarbeiterfrau: Ich bin heute hier hier, um meinen Mann zu unterstützen – aus Solidarität. Wir sehen doch, welche Auswirkungen es hat, wenn woanders Zechen geschlossen werden. Die Leute werden ärmer, ganze Stadtteile bluten aus. Welche Zukunft haben wir dann noch hier?

 

Ihr Mann: Meine Frau hat das alles schon in meinem Sinn gut beantwortet.

"Ich bin hier, weil mein Vater davon betroffen ist"

Schülerin: Ich bin hier, weil mein Vater nach 30 Jahren einfach auf die Straße geschmissen wurde. Das ist nicht schön. Ich hoffe, dass die Aktion heute etwas bringt. Wenn es nicht reicht, werden wir weitermachen.

 

Jugendlicher: Ich bin hier, weil mein Vater davon betroffen ist und auch Verwandte von mir seit Jahrzehnten auf der Zeche arbeiten. Ich protestiere, weil die ausgesprochenen Kündigungen nicht angemessen sind.

"Wir sind dem Tod aus der Schüppe gesprungen"

Bergmann auf dem Platz der Abschlusskundgebung: Wir werden betriebsbedingt gekündigt, aber die Leiharbeiter haben Arbeitsplätze. Sie haben sogar einige, die Connections haben, untergebracht. Die verschaukeln uns sogar, sagen uns ins Gesicht: Bei uns könnt ihr mit 50 in Rente gehen. Dabei sind sie Jahre jünger als wir.

(Aber das geht doch vor allem von der RAG aus ...) Natürlich, auf Kosten unserer Knochen und unseres Schweißes haben die das Geld eingesteckt. Jetzt, nachdem wir die Drecksarbeit gemacht haben, werden Leiharbeiter geholt und wir werden auf die Straße geschmissen. Wie soll man das verstehen? Wir werden das bis zum Ende durchziehen, bis der letzte das gehört hat. Weil wir 100 Prozent im Recht sind. Wir sind dem Tod aus der Schüppe gesprungen – etliche Male unter Tage. Wir haben unter schweren körperlichen Bedingungen gearbeitet und jetzt werden andere dafür belohnt. Das geht nicht. Zu streiken wäre richtig gewesen. Aber leider, leider haben viele Leute Scheuklappen. Wir haben gekämpft, sind mit Zehntausenden Leuten auf die Straße gegangen, haben Mahnwachen gehalten – Tage, Wochen. Und jetzt haben die es geschafft, die Zechen zu schließen. Und die Reaktion: Was soll man machen?
(Es wird ja auch bewusst Spaltung betrieben zwischen euch und den anpassungsberechtigten Kumpels ...) Natürlich. Die haben die Leute auch aufeinander gehetzt. Die haben sogar gesagt, ihr werdet wegen denen, die vor ein paar Jahren in die Rente gegangen, nicht in die Rente genommen. Wir wurden bis jetzt immer belogen und betrogen. Deswegen sage ich: Wie sollen wir euch glauben, wenn ihr uns jahrelang angelogen habt?
(Zu den Angriffen auf die MLPD-Plakate und -Transparente:) Wir kämpfen hier um unser Brot und unsere Arbeit. Mehr nicht. Mit der Partei und mit ihren Schildern hat diese Organisation nichts zu tun. Wenn jemand zusammen mit uns kämpft, dann für unsere Forderungen und nicht für andere Parolen.
(Aber MLPD und Kumpel für AUF unterstützen den Kampf der Bergleute seit Jahrzehnten ...) Viele haben das leider nicht gemacht. Sonst wären wir nicht in diese Situation gekommen. Eine Ministerin von der SPD ist jetzt im RAG-Vorstand. Das ist so ein abgekartetes Spiel. Wie soll man da jetzt durchblicken?

"Wir werden weitermachen"

Weiterer Bergmann: Es war heute ein wichtiger Schritt – und wir werden weitermachen. Es wäre genau richtig, mit den anpassungsberechtigten Leuten gemeinsam zu kämpfen.