"Antisemitismus"-Keule

"Antisemitismus"-Keule

Mit jeder Attacke erweitert sich der Kreis der Kritiker

Vor kurzem traf die unheilige Allianz aus israelischer Regierung, Zentralrat der Juden in Deutschland, "Antideutschen" und anderen reaktionären Feinden des palästinensischen Volks mit der "Antisemitismus"-Keule einen Mann, dem man überzogene Kritik am Staate Israel wahrhaftig nicht vorwerfen kann: den - inzwischen zurückgetretenen - Direktor des Jüdischen Museums in Berlin, Peter Schäfer.

Korrespondenz

Peter Schäfer wurde zum Rücktritt gezwungen, weil Joseph Schuster, Direktor des Zentralrats der Juden in Deutschland, zum vernichtenden Urteil gelangt war: „Das Maß ist voll. Das Jüdische Museum Berlin scheint gänzlich außer Kontrolle geraten zu sein."

 

Bekanntlich sieht Joseph Schuster rot und wird hysterisch, wenn er die drei Buchstaben "BDS" nur von weitem sieht. BDS steht für "Boykott, Investitionsentzug, Sanktionen". Die Kampagne1 richtet sich nicht gegen das Existenzrechts Israels und schon gar nicht gegen jüdische Menschen. Sie fordert, dass Israel die unveräußerlichen Rechte der Palästinenserinnen und Palästinenser einschließlich des Rechts auf Selbstbestimmung anerkennt. Die BDS-Kampagne setzt an einer ähnlichen früheren internationalen Kampagne des Kampfs gegen die Apartheid in Südafrika an. Auch das war keine Kampagne gegen "die Südafrikaner", sondern sie trug zum Fall des Apartheid-Regimes bei.

 

Was also hatte Peter Schäfer getan, dass ihn der Bannstrahl des Zentralrats der Juden traf? Ein Tweet des Museums - nicht von ihm selbst verfasst - hatte einen taz-Artikel für "lesenswert" befunden, der den vom Bundestag angenommenen Antrag „BDS-Bewegung entschlossen entgegentreten - Antisemitismus bekämpfen“ kritisierte. Die Gleichsetzung von "BDS-Bewegung" und "Antisemitismus" ist falsch und diskreditiert jede Kritik an der reaktionären Politik der Netanjahu-Regierung.

 

In einem offenen Brief haben sich jetzt die Kulturwissenschaftler Jan und Aleida Assmann, die letztes Jahr mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden sind, für Peter Schäfer eingesetzt: „Ein neues Gespenst geht um in Europa: das ist der Antisemitismus-Vorwurf.“ Er stelle „uns Europäer, insbesondere Deutsche, unter Generalverdacht und ruft im Stil der McCarthy-Ära zu einer Hexenjagd auf jeden auf“, der die Politik Israels nicht unterstütze und denunziere ihn als Antisemiten.

 

Bereits in der letzten Woche hatten sich 45 jüdische Gelehrte aus Israel, Europa und den USA hinter Schäfer gestellt. Sie sind besorgt über die „abnehmende Möglichkeit, Regierungspolitik zu kritisieren.“ Dem wirklichen und dringend notwendigen Kampf gegen Antisemitismus helfen die Diffamierungen und Bezichtigungen nämlich überhaupt nicht.