Kumpel für AUF

Kumpel für AUF

Begeisternde und zukunftsweisende Bergarbeiterdemonstration in Essen

Großes Lob und vielen Dank an „Kumpel für AUF“, die zu dieser kämpferischen und vielfältigen Arbeiterdemonstration aufgerufen und Technik, Ablauf und Demoroute hervorragend organisiert haben.

Von gof / jf
Begeisternde und zukunftsweisende Bergarbeiterdemonstration in Essen
(rf-foto)

Ausgehend vom Haupteingang der ehemaligen Zeche Zollverein bei Schacht XII zogen die etwa 250 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mitten durch die Wohngebiete zum Katernberger Markt, wo die Abschlusskundgebung stattfand. "Wir akzeptieren die Zechenschließung der RAG nicht - das letzte Wort ist noch nicht gesprochen!" In diesem Geist fand die mutige, kämpferische Arbeiterdemonstration statt. Denn die Kumpel haben mit der RAG noch eine ganze Menge Rechnungen offen: Jahrzehnte erhielten die Bergleute Kohle oder ersatzweise Geld als festen Lohn- und Rentenbestandteil. Sie sind nicht zum Verzicht auf das Deputat bereit. Jede weitere Flutung der Zechen muss gestoppt werden! Hunderte, gerade jüngere Kumpel, Nichtanpassungsberechtigte und weitere fliegen von heute auf morgen in die Arbeitslosigkeit. Gleichwertige Ersatzarbeitsplätze müssen her! Die Machenschaften mit  Giftmüll und PCB unter Tage wurde von mutigen  Kumpel ans Tageslicht gebracht.

 

Vom Auftakt vor Schacht XII bis zur Abschlusskundgebung moderierten Monika Gärtner-Engel, langjährige Stadtverordnete des Kommunalwahlbündnisses AUF Gelsenkirchen, und der Bergmann Günther Belka, selbst bei „Kumpel für AUF“ und im Internationalistischen Bündnis, nach typischer Bergmannsart: gerade heraus, immer ein offenes Wort und immer solidarisch. Ihre Aufgabe war nicht leicht. Mehr als 30 Redebeiträge und jede Menge Grußadressen mussten sie unterbringen, jedem Raum geben für sein Anliegen und seine Meinung, aber auch immer mit Rücksicht auf das Gesamte. Kompetent achteten Moderatorin und Moderator auf die Überparteilichkeit von Demonstration und Kundgebung.

Ein Querschnitt durch das Ruhrgebiet

Viele verschiedene beteiligte Organisationen verkörperten nicht nur die Solidarität mit dem Kampf der Bergarbeiter, sondern auch, wie tief und vielfältig der Bergbau und seine Geschichte in das Leben der Massen und der Gesellschaft hineinwirkt. Vertreten waren Bergarbeiter und ihre Familien, Stahlarbeiterkollegen mit ihren IG Metall-Fahnen, Kollegen der IGBCE aus der Chemieindustrie, Kolleginnen und Kollegen von ver.di, „Kumpel für AUF“ aus verschiedenen Städten, Montagsdemonstranten aus Herne, die Umweltgewerkschaft, Bergarbeiterfrauen im Frauenverband Courage, die MLPD, der Jugendverband REBELL und die Kinderorganisation  „Rotfüchse“, ein Vertreter vom Touristenverein „Naturfreunde“, die kommunalpolitischen Bündnisse „AUF Gelsenkirchen“, „Berg AUF“ aus Bergkamen, „Essen steht AUF“, die Betriebsratsliste „Offensiv“ von Opel Bochum, eine parteilose Stadträtin aus der Fraktion der Linkspartei in Herne und andere.

 

Die Redebeiträge waren oft sehr berührend. So als „Omma Rabe“ aus Essen, 80 Jahre alt, mehrfache Mutter, Oma und Uroma, selbst Bergarbeiterfrau, ein Gedicht zu den Bergleuten vortrug. „Die Bergleute sind eine stählerne Kraft!“ ist eine Zeile daraus. Das war ein Gänsehautmoment. Mit ihrer Lebenserfahrung ist dies nicht nur ein Fazit, sondern auch eine Kampfansage an RAG, die Regierungen, die Führung der IGBCE – an alle, die meinen, mit der offiziellen Schließung der Zeche Prosper und den melodramatischen „Danke Kumpel!“- Veranstaltungen im letzten Jahr wäre die Sache mit dem Bergbau ein für allemal erledigt.

„Ein wichtiges Signal der kämpferischen Solidarität“

nannte Bodo Urbat vom kommunalpolitischen Bündnis „Essen steht auf!“ diese Demonstration. Denn drei Monate nach dem über alle Medien und einen regelrechten Veranstaltungsmarathon von RAG, NRW-Landesregierung und städtischen Kultureinrichtungen das Aus des deutschen Steinkohlebergbaus monatelang inszeniert worden war, kamen auf dieser Bergarbeiterdemonstration die Kumpel, ihre Familien und Freunde selbst zu Wort. Und das hörte sich anders an als der Versuch der RAG und Konsorten, nicht nur die Vernichtung der Arbeits- und Ausbildungsplätze endgültig zu besiegeln, sondern auch deren Verbrechen an Mensch und Umwelt gleich mit unter den Teppich zu kehren. Ein wichtiger Verarbeitungsprozess ist im Gange, der mit der Veranstaltung zum großen Bergarbeiterstreik 1997 im Oktober letzten Jahres in Gelsenkirchen begonnen hat, mit dieser Demonstration weitergeführt wurde und auch noch weitergehen muss: dass man eine ganze Branche, einen traditionsreichen und nach wie vor gesellschaftlich bedeutsamen Berufszweig, eine ganze Region nicht einfach so abschreiben kann. Im Kampf der Bergarbeiter bündelt sich, was künftig auf die Stahlarbeiter, die Automobilarbeiter und andere Branchen noch zukommen wird.

„Die Eiterbeulen sind geplatzt!“

... rief Christian Link, Bergmann, Sprecher von „Kumpel für AUF“ und nach wie vor von der RAG mit einem Anfahrverbot belegt, in die Menge. Die Eiterbeulen, das sind die Lügen des Systems RAG, mit denen der Öffentlichkeit und den Bergleuten die Abkehr vom Steinkohlebergbau in Deutschland schmackhaft gemacht werden sollte. „Keiner fällt ins Bergfreie!“, so hieß es von RAG und den bürgerlichen Politikern. Aber wer Anpassung erhält, bekommt bis zu seinem Eintritt ins Rentenalter lediglich zwischen 900 und 1300 Euro. Davon können viele, auch Kumpel mit Familie, nicht leben und müssen deshalb zusätzlich arbeiten. Viele sind auch noch zu jung für die Anpassung. Ihnen werden entweder Abfindungen angeboten oder Ersatzjobs mit weiten Anfahrwegen, was zu großen Belastungen führt. Leiharbeiter bekommen gar nichts und stehen vor dem Aus. Deshalb fordert „Kumpel für AUF“: Gleichwertige Ersatzarbeitsplätze durch die RAG! Arbeits- und Ausbildungsplätze für die Jugend!

 

Der Kumpel Jürgen Pfeifer wohnt in Nachbarschaft einer ehemaligen Zeche und verklagt die RAG wegen der geplanten Zechenflutungen. Aufgrund der 1,6 Mio Tonnen Gift- und Sondermüll, die von der RAG profitbringend in den stillgelegten Zechen verklappt wurden, bedroht diese Flutung letztlich das Trinkwasser für Millionen Menschen. „Das ist eine Frage der Zukunft unserer Kinder und Jugend“, führte Christian Link aus, denn erst nach Jahren und Jahrzehnten wird sich diese Katastrophe offenbaren.

 

Viele Schilder und Redebeiträge wandten sich auch gegen den Deputatklau. Markus Stockert, Stahlarbeiter aus Duisburg, führte aus, wie auch bei Thyssenkrupp die Betriebsrentner seit Jahren betrogen werden. Die Deputatkürzung der RAG ist nichts anderes als eine Rentenkürzung. Er rief zum gemeinsamen Kampf der Stahl- und Bergarbeiter auf.

Wer sind die Freunde der Bergarbeiter?

Peter Römmele, auch Stahlarbeiter und Landesvorsitzender der MLPD und Gabi Fechtner, Parteivorsitzende der MLPD, überbrachten ihre kämpferischen und solidarischen Grüße. Gabi Fechtner meinte: „Wo sind sie jetzt, die Spitzen der RAG oder auch die Spitzen der IGBCE, nach dem 'Danke' an die Kumpel im letzten Jahr? Die sind jetzt weg, die kümmern sich nicht mehr darum!“ Aber die kämpferischen „Kumpel für AUF“, die MLPD ist noch da. Und nicht nur sie. Verschiedene Redner warnten davor, jetzt zu resignieren und zum Beispiel aus der IGBCE auszutreten. Wir brauchen  die Gewerkschaften als Kampforganisationen. Das kann aber nur von uns selbst, von der Basis ausgehen, während die Spitzen der Gewerkschaften wie die IGBCE-Führung um Michael Vassiliadis sich als Ordnungsfaktor und Co-Manager in diesem System verstehen.

 

Selbst und gemeinsam aktiv werden, das durchzog viele Redebeiträge. Klaudia Scholz, parteilose Ratsfrau in der Stadtratsfraktion der Partei „Die Linke“ in Herne, hat viel Erfahrung damit, wie Menschen aktiv werden. Allein drei Bürgerinitiativen hat sie in Herne ins Leben gerufen, zu umwelt- und kommunalpolitischen Fragen. Dass unser Kampf international geführt werden muss, verdeutliche Andreas Tadysiak, Hauptkoordinator der internationalen Bergarbeiterkoordination. Er mobilisierte zur Europakonferenz der Bergarbeiter Ende des Jahres im polnischen Katowice. Unter den Grußadressen, aus denen Monika Gärtner-Engel zitierte, kamen welche aus West-Australien, Indien, dem Süd-Sudan, Kasachstan und der Ukraine. Etwa Besonderes war die Grußadresse nebst Unterschriftenliste von Kali + Salz-Kumpel aus Unterbreizbach in Thüringen. Kumpel halten eben zusammen!

Für die Zukunft der Jugend!

Dafür stand diese ganze Demonstration und dafür standen die Kinder und Jugendlichen selbst, mit ihren Beiträgen, ihren Schildern, ihrem ganzen Auftreten. Gefragt, warum er heute dabei ist, sagte ein Rotfuchs auf dem Lautsprecherwagen: „Ich bin da, weil ich für die Zukunft der Erde demonstriere!“ Ein großes Lob sprach Monika Gärtner-Engel dem REBELL in Gelsenkirchen aus. Bislang hatte es keine Freitagsaktionen in Gelsenkirchen gegeben. Zum weltweiten #Fridayforfuture-Tag am 15. März brachte der REBELL Gelsenkirchen erstmals 250 Schüler auf die Beine, wo bisher nichts los gewesen war.

 

Um die Zukunft ging es auch beim Grußwort der MLPD-Vorsitzenden Gabi Fechtner. „Warum ist die MLPD gegen den Kapitalismus, warum redet sie so oft davon? Man muss doch dem Übel an die Wurzel!" Sie wandte sich entschieden gegen die bürgerliche Verleumdung, dass die Steinkohle-Bergleute unproduktive Fossile einer vergangenen Ära seien. Der weltweit modernste und produktivste Bergbau, den es gibt, wird dichtgemacht, weil die Profitrate nicht mehr stimmt. "Deshalb sollen die Bergleute ihre Arbeitsplätze verlieren. Wir brauchen eine grundlegende Alternative - die MLPD sieht diese im echten Sozialismus."

 

Die Botschaft dieser Demonstration reicht weit über den Tag hinaus: Sie war ein Auftakt, sie gab ein Signal, dass der Weg des Kampfes der einzig richtige ist. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen!

 

Bildreport: "Wir haben noch viele Rechnungen offen! Arbeiterdemonstration am 16. März 2019 in Essen"